Um langen Schlangen vorzubeugen, bin ich heute um halb acht aufgestanden, um das über hundert Jahre alte, das "Taipeh Guest House" (台北賓管) und das Präsidialamt (also das taiwanesische Äquivalent zum Bundeskanzleramt), beides japanische Kolonialarchitektur, zu besichtigen. Beim Auspacken der Kamera, um die Außenfront des Gästehauses zu fotografieren, musste ich leider feststellen, dass der Akku leergelaufen war. Gut, dass die Taiwanesen so ein hilfsbereites Volk sind! Ich wurde prompt auf eine Menge Fotos eingeladen, die ich hoffentlich morgen schon per Mail geschickt bekomme: ich in vielleicht eher weniger gekonnter Pose vorm Gästehaus und dem Präsidialamt, ich beim Händedruck mit Präsident Ma Yingjiu, ich mit einer Bronzebüste mit Jiang Kaishek. Letzteres Motiv war nicht meine Idee. Das Gästehaus wurde bis 1932 in einem neoklassizistisch-barocken Mischstil gebaut. Das gleiche, der Mischstil, gilt für das Präsidialamt, das von 1915 stammt. Das Gästehaus wird heute nur noch selten, und zum Empfang hochrangiger Staatsgäste benutzt. Es ist nur ein paar mal im Jahr für Besucher geöffnet. Alles, damit dieses für taiwanesische Verhältnisse antike Gebäude geschützt wird. Irgendjemand hat vor kurzem wohl vorgeschlagen, es für Hochzeitsfotos frei zu geben, was für eine Schnapsidee.
Die beiden Bauten sind interessanterweise beide nach Osten ausgerichtet, in Richtung Japan, statt wie traditionelle chinesische Gebäude nach Süden. Die Höhe des Turmes vom Präsidialamts wurde nachträglich nach oben korrigiert, um mehr Dominanz zu zeigen.
Danach war ich kurz im Park mit grünem Tee aus einem der öffentlich aufgestellten Automaten und einem Buch im Park, um Pause zu machen. Anschließend habe ich mit Yenchu eine Verkaufshalle mit allen möglichen traditionellen Kunsthandwerkswaren besucht. Vom Kauf eines Teeservice hab ich abgesehen, weil ich mich nicht so richtig entscheiden konnte, und das Blauweiß nie den richtigen Ton hatte. Dafür bin ich mit unter anderem drei Sorten Tee wieder rausgekommen. Nach einer Besichtigung von Yenchus neu renoviertem Dorm ging es erst mal in ein Frühstücksrestaurant (um vier Uhr nachmittags!). Nachdem der Chef mitbekommen hatte, das ich Taiwanesischunterricht mitmachen will, war so verrückt ununterbrochen auf Taiwanesisch die Inneneinrichtung zu benennen, so dass wir kaum zum Essen kamen.
Zum Schluss waren wir im zweiten 24h-Buchladen Taiwans. Da habe ich mir das Tagebuch von Zhao Ziyang (國家的囚徒 "Prisoner of the State") und den vierten Band einer Isaac Asimov Gesamtausgabe geholt, nämlich Robot Series. Beim Lesen vorm Einschlafen habe ich gemerkt, dass der Übersetzer und Herausgeber der Serie der Dozent von dem Kurs zu Science Fiction ist, den ich herausgesucht hatte. Er gilt laut Klappentext als "Vertreter/Sprecher Asimovs in der chinesischsprachigen Welt".
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